Freie Lizenzen: schlecht für Lizenz-GEBER

Zur Klarstellung. Ich bin ganz das Gegenteil jenes Internet-Users, den sich früh vergreiste Politiker vorstellen: ich SCHAFFE Inhalte in eigener Urheberschaft und gebe sie frei. Das heißt, ich stelle sie unter ein bedingtes, aber sonst unbeschränktes kostenloses Nutzungsrecht. Wikimedia hat mich zuletzt noch überzeugt, die Bilder unmarkiert frei zu geben (keine Bildprägung mit „cc-by …“).

Schade ist nur: diese Lizenz funktioniert nicht. Ich versuche, sie exakt umzusetzen, und ich habe mich mit Wikimedia abgestimmt. Mir kommt alles OK vor. Aber was das Hamburger Landgericht dazu sagen würde (das freie Lizenzen ohnehin nicht kennt), weiß niemand.

Meine Sammlung enthält bisher > 2000 Bilder, die frei benutzt werden können, solang irgendwo oder irgendwie meine Urheberschaft genannt wird. Wobei ich dies eher noch freier auslege als vorgesehen. Eigentlich soll mich die Lizenz nur davor schützen, dass Abzocker meine Bilder massenhaft missbrauchen.

Sucht man aber im Web nach „kostenlosen Fotos“ oder Bildern unter „cc-by“, findet man alles mögliche. Neben dem immer noch gängigen Abzock-Modell (inzwischen „impfen“ die Halunken freie Fotodatenbanken) gibt es viele Naive, die ihre Bilder als „kostenlos“ anpreisen; oft irreführender Weise. Zu den Kosten gehören nämlich aufwändige Gegenleistungen, deren erste das Lesen eines Mumpitz-Vertrages ist. Dieser ist meist individuell, unsinnig und erweitert die „Kostenlosigkeit“ um allerlei, z.B. Verbot des kommerziellen Einsatzes; wobei nach Richterrecht so gut wie jede Webseite „kommerziell“ ist. Natürlich folgt dann der Hinweis auf rechtliche Schritte bei Verstoß. Praktisch verwendbar sind solche Bilder nicht. Viele der „freien“ Bilder sind markiert oder mit Wasserzeichen geprägt, im schlimmsten Fall schlecht sichtbar. Der Abmahn-Vorwurf im Urheberrecht arbeitet aber nach wie vor verschuldensunabhängig, das heißt, Sie brauchen eine „Entschuldigung“ gar nicht erst vorzutragen. Der Konflikt zwischen „kostenlos-Anbieter“ und „gutgläubig-Verwender“ ist vorprogrammiert.
Niemand weiß, ob Wikimedia Commons da einen Schutz darstellt. Oder wie viele Rechts-Verstöße in Form von gutgläubiger Verwendung darin enthalten sind, die per Image Retrieval-Software gesucht, gefunden und abgemahnt werden.

Das ist aber noch nicht alles: Eigene Bilder zu publizieren, birgt viele Risiken. Die schlimmsten sind:

1)Abmahnung
2)unwahre Behauptung fremder Urheberschaft
3)Weitergabe unter Lizenz-Entfernung
4)Missbrauch, z.B. für Desinformation oder Propaganda

… und alle sind gang und gäbe. Kaum war mein Projekt online, da hatte ich schon einen Bekannten am Telefon, der vermeinte, ich hätte ein Foto „gestohlen“. Auch, was geschieht, wenn irgendein Abzocker mich abmahnt, weil ich unwissentlich oder angeblich gegen ein Recht verstoßen habe (Beispiel: irgendwo auf einem Foto ist ein Markensymbol, und das missfällt dem Marken-Inhaber), ist unbekannt – und unentschieden.

Ich habe mit einer Kollegin von „Quarknet.de“ – tolle Website – gesprochen, die ein sehr ähnliches Projekt betreibt. Sie erzählte mir vom ungeahnten Rechtsproblem der Veröffentlichung in neuem Kontext.

Beispiel: sie nimmt ein Gebäude von der Straße aus auf (darf man), bietet es als „frei“ an (darf sie) und ein Architekt, der dieses Haus nicht gebaut hat, setzt es als Werbemittel auf seiner Webseite ein (darf er). Der andere Architekt, der der tatsächliche Urheber des Hauses ist, kann sich aber wehren – und das würde er durch Abmahnung tun (mit Erfolg). Klar, es darf nicht sein, dass der Konkurrent mit dem Werk eines anderen wirbt. Der Kontext der Veröffentlichung wäre hier wesentlich.

Das ist nachvollziehbar – auch ich wäre entsetzt, wenn irgendeines meiner Fotos auf einer Webseite von Rechtsradikalen oder Päderasten gezeigt würde. Gemäß der cc-by Lizenz müsste dann nämlich mein Name bzw. der Titel meines Projektes in einem verabscheungswürdigen Kontext erscheinen.
Was die Gerichte in einem solchen Fall uns Fotografen gegenüber entscheiden würden, ist völlig unklar. Wir setzen uns durch die cc-by unübersehbaren Risiken aus. Die „freie“ Lizenz stellt in Deutschland keinerlei Schutz des Lizenzgebers dar.

Weg vom Gedankenspiel: Auch Frau Bünte von „Quarknet.de“ ist es passiert, dass eine Surferin glaubte, ein eigenes Foto auf Quarknet wieder zu finden, und diese prangerte dann den vermeintlichen „Bildklau“ gleich wütend auf Google+ an. Natürlich ohne vorher nachzuforschen und mit anschließendem, peinlich berührtem Dementi; aber bis dahin hatte sich im Netz die falsche Info schon verbreitet.

Derartiger Rufmord kann Menschen wie Frau Bünte oder mir das ganze Projekt zerstören.

Wir, will sagen, Webdesigner/innen wie Frau Bünte, meine Wenigkeit und viele andere, haben gute Verfahren der Beweissicherung. Nie fremde Bilder verwenden, paranoide Standards der Datensicherheit und Beweisbarkeit fahren, Bilder nie in Originalqualität und nie alle Bilder eine Fotosession veröffentlichen – alles selbstverständlich. Für Profis. Wer die Probleme nicht kommen sieht, ist ganz schnell einen Tausender an Berufs-Abzocker los.
Hauptproblem ist die Beweisbarkeit der Urheberschaft. Wikimedia hat keine Prüf- oder Zertifizierungsverfahren. Meine lieben Freunde bei Wikimedia halten die freien Lizenzen für die Antwort auf die Probleme im Urheberrecht. In Wirklichkeit schaffen sie aber nur ein trügerisches Gefühl der Sicherheit.
Solange das Urheberrecht bei uns ist, wie es ist, ist Wikimedia Commons gefährlich. Und solang Wikimedia dieses Problem nicht adressiert, ist die Gefahr noch verstärkt.

Trotzdem benutze ich die Lizenz! Ich glaube an freie Inhalte.

Es wäre sinnvoll, wenn es irgendeine Möglichkeit gäbe, das eigene Archiv „freier Bilder“ und/oder die Verwendung der cc-by prüfen zu lassen, in einer Weise, auf die die User sich verlassen können. Gerade das scheut IMHO aber die Wikimedia Foundation, weil es für freie Inhalte ein Rückschritt wäre, wenn die – deutschen – User Angst vor Rechtsproblemen hätten. Arbeit wäre es außerdem. So macht man die Augen zu und lässt den einen oder anderen ins Messer laufen, der hinterher über Abzocker schimpft. Und dann wütend die Piraten wählt.
Bei meinem Projekt geht ein großer Teil der Zeit dafür drauf, jederzeit beweisen zu können, dass die Bilder wirklich von mir sind, und dass ich sie wirklich kostenlos und frei für jeden Zweck hergebe. Unter der einzigen Bedingung, dass die Herkunft genannt wird, damit eben auch andere freies Bildmaterial finden können.

Eigentlich wollte ich die statistische Chance für die Abzocker verkleinern, damit auch „echt freie“ Bilder in Google sind. Solange der Lizenz-Nehmer sich darauf aber nicht verlassen kann, das Urheberrecht sich nicht ändert und es keine echte Überprüfung oder Anmeldung gibt, kann ich noch so viele Fotos hochladen und frei geben – letztendlich ist dem, der freie Inhalte sucht, nicht geholfen. Ob ich ein Abzocker bin, sieht er der Webseite nicht an.

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Ein Kommentar zu “Freie Lizenzen: schlecht für Lizenz-GEBER

  1. Gute Skizzierung der aktuellen Situation, danke.

    Die Auswüchse gehen nach meinen aktuellen Beobachtungen an der einen oder anderen Ecke sogar noch weiter. Das Zauberwort für die juristische Gartentür heißt „usergenerierter Content“. Portale und „Schein-Portale“ publizieren munter unter Umgehung des Urheberrechts. Auf unlizenzierte Nutzung angesprochen kommt eine simple Reaktion: „Oh, danke für den Hinweis, wir werden den Inhalt entfernen.“ … machen munter weiter und der Urheber rennt ungebremst vor eine Wand, die sich Datenschutz nennt.

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